Wirkung & Persönlichkeit

Kann man Charisma lernen?

Zum Teil. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass Charisma keine Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern etwas, das zwischen Menschen entsteht — Zuhörende empfinden jemanden als charismatisch, wenn sie sich mit ihm identifizieren. Erlernbar sind die sichtbaren und hörbaren Anteile: Körpersprache, Sprachmelodie, Pausen, bestimmte Sprachfiguren. Nicht erlernbar ist das eigene Brennen für ein Thema. Das muss mitgebracht werden.

Die unbequeme Nachricht zuerst: Wer nichts hat, wofür er brennt, wird durch Technik nicht charismatisch. Die gute: Wer etwas hat, verschenkt meistens mehr Wirkung, als er ahnt.

Wirkung & Persönlichkeit

Später hier: Claudia auf der Bühne, Moment vor dem ersten Satz.

Platzhalter. Hier steht später ein echtes Bild.

Warum es keine Eigenschaft ist

Charisma kommt aus dem Griechischen und heißt Gnadengabe — ein Wort, das nahelegt, man habe es oder eben nicht. Max Weber verallgemeinerte es 1905 zu einer „als außeralltäglich geltenden Qualität einer Persönlichkeit". Damit war der Mythos gesetzt.

Die heutige Forschung sieht es anders. Nach jahrzehntelanger Arbeit sind sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitgehend einig, dass Charisma keine Eigenschaft eines Menschen ist, sondern eine Zuschreibung durch andere: Menschen empfinden jemanden als charismatisch, wenn sie sich mit ihm identifizieren oder Gemeinsamkeiten mit ihm sehen.

Das dreht die übliche Frage um. Sie lautet nicht „Wie werde ich charismatischer?", sondern „Woran erkennen die Menschen im Raum sich selbst in dem, was ich sage?"

Was sich tatsächlich lernen lässt

Charisma hat im Kern damit zu tun, **was** jemand sagt und **wie** er es sagt. Beides ist Handwerk, und Handwerk ist lernbar.

Konkret erlernbar sind: Körpersprache, Gesichtsausdruck, Sprachmelodie und der Einsatz bestimmter Sprachfiguren — Wiederholung, Kontrast, konkrete Bilder statt abstrakter Begriffe. Dazu das Unterschätzteste von allem: die Pause.

Das ist kein kleiner Rest. Die meisten Menschen, die als „nicht charismatisch" gelten, sprechen zu schnell, machen keine Pausen und erzählen abstrakt. Alle drei Dinge sind in Wochen veränderbar.

Was sich nicht lernen lässt

Das innere Brennen für ein Thema. Wer nichts hat, das ihm wirklich wichtig ist, kann es nicht antrainieren — und es fällt schneller auf, als die meisten glauben.

Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine entlastende: Sie müssen niemand anderes werden. Sie müssen herausfinden, was Ihnen wirklich etwas bedeutet, und dann aufhören, es zu verstecken.

In meiner Arbeit ist das oft der eigentliche Schritt. Menschen kommen mit „Ich wirke nicht souverän" und gehen mit einem Satz darüber, warum sie überhaupt vorne stehen. Die Souveränität kommt danach von selbst.

Drei Dinge, die morgen wirken

**Langsamer werden.** Fast alle sprechen vor Publikum schneller, als sie denken. Zwanzig Prozent langsamer fühlt sich falsch an und klingt richtig.

**Eine Pause aushalten.** Drei Sekunden Stille nach einem wichtigen Satz wirken auf der Bühne endlos und im Saal souverän. Wer die Pause füllt, nimmt dem Satz das Gewicht.

**Konkret statt abstrakt.** „Wir müssen die Kommunikation verbessern" erreicht niemanden. „Letzten Dienstag saßen wir zwei Stunden in einer Besprechung, und danach wusste keiner, wer was macht" erreicht alle.

Häufige Fragen dazu

Ist Charisma angeboren?
Nach heutigem Forschungsstand ist es keine angeborene Eigenschaft, sondern eine Zuschreibung, die zwischen Menschen entsteht. Was angeboren sein kann, sind Temperament und Stimmlage — aber beides entscheidet nicht darüber, ob jemand als charismatisch erlebt wird.
Wie lange dauert es, bis man etwas merkt?
Bei Tempo und Pausen: wenige Wochen, wenn regelmäßig laut geübt und aufgenommen wird. Bei der Frage, wofür man brennt: Das kann ein einziges gutes Gespräch sein oder Monate dauern. Wer Ihnen eine Zeitangabe für den zweiten Teil gibt, verkauft Ihnen etwas.
Muss ich laut und extrovertiert sein?
Nein, und es ist einer der hartnäckigsten Irrtümer. Ruhige Menschen wirken vor Publikum häufig glaubwürdiger, weil sie weniger überzeugen wollen. Lautstärke ersetzt keine Überzeugung, sie verdeckt nur ihr Fehlen.
Was unterscheidet Charisma von Manipulation?
Die Absicht und die Überprüfbarkeit. Beides nutzt dieselben Werkzeuge — Geschichten, Pausen, Bilder. Der Unterschied ist, ob das Gesagte einer Nachfrage standhält. Wer manipuliert, braucht, dass niemand nachfragt.
Hilft ein Rhetorikkurs?
Für das Handwerk ja. Für den Teil, der nicht lernbar ist, nicht. Deshalb beginnt gute Arbeit an Wirkung nicht bei der Technik, sondern bei der Frage, was Sie eigentlich sagen wollen — und erst danach, wie.

Kurz nachgedacht

Drei Fragen zum Mitdenken. Es gibt keine Punkte und keine Auswertung — nur eine Begründung zu jeder Antwort.

1. Was sagt die heutige Forschung über Charisma?

2. Sie haben einen wichtigen Satz gesagt. Was tun Sie danach?

3. Was unterscheidet Charisma von Manipulation?

Geschrieben von Claudia Conen, Keynote Speakerin und KI-Managerin (IHK). Zuletzt geprüft am 19. September 2026.